Ein Interview mit Gerhard Hillebrand, Verkehrspräsident des ADAC, hat rund um den Jahreswechsel eine Protestwelle ausgelöst. In mehreren Berichten wird seine Aussage so wiedergegeben, dass eine höhere CO₂-Bepreisung von Benzin und Diesel ein geeignetes Mittel sei, um die Klimaschutzziele im Verkehr zu erreichen. Kurz darauf häuften sich in sozialen Netzwerken Kündigungsankündigungen und Vorwürfe, der ADAC stelle sich gegen die Interessen seiner Mitglieder. Der Automobilclub reagierte mit Einordnungen und betont, die Diskussion greife zu kurz und lasse entscheidende Bedingungen weg.
Was im Interview gesagt wurde und warum es so interpretiert wurde
Ausgangspunkt ist ein Gespräch, das Hillebrand kurz vor Weihnachten gegeben haben soll. In den aktuellen Berichten heißt es, er habe die CO₂-Bepreisung als geeignetes Werkzeug bezeichnet und zugleich darauf verwiesen, dass ein Preisimpuls Menschen zum Wechsel auf klimafreundlichere Alternativen bewegen könne. Genau an dieser Stelle setzte die öffentliche Zuspitzung an: Aus einem Hinweis auf Lenkungswirkung wurde vielerorts die Schlagzeile, der ADAC wolle teureren Sprit. In der Online-Debatte setzte sich diese Kurzform schnell fest, weil sie leicht teilbar ist und unmittelbar an der Zapfsäule andockt.
Warum die Reaktion so heftig ausfiel
Der ADAC wird von vielen in erster Linie als Schutzschild im Alltag wahrgenommen: Pannenhilfe, Rechtsberatung, Interessenvertretung. Wenn ein Spitzenvertreter dann über Mechanismen spricht, die Benzin und Diesel verteuern können, entsteht rasch das Gefühl eines Loyalitätsbruchs. Verstärkt wurde das durch die allgemeine Nervosität bei Mobilitätskosten. Für zahlreiche Pendler und Betriebe bleibt der Verbrenner praktisch alternativlos, während Ladeinfrastruktur und Fahrzeugangebote regional stark schwanken. In diesem Klima genügt eine missverständliche Verkürzung, um Ärger in Serie auszulösen.
Kündigungen im Netz: viel Symbolik, aber auch echte Austritte
In den Tagen nach den Veröffentlichungen tauchten etliche Posts mit Kündigungsschreiben auf, begleitet von harten Formulierungen. Medien berichten von einer „Kündigungswelle“, der ADAC selbst versucht jedoch, die Dimension einzuordnen. Nach Angaben, die in mehreren Artikeln zitiert werden, handelt es sich aktuell um eine mittlere vierstellige Zahl an Austritten. Gleichzeitig wird darauf verwiesen, dass der Verein im vergangenen Jahr netto deutlich gewachsen sei. Damit zeigt sich ein bekanntes Muster: Online wirkt ein Thema riesig, weil Empörung sichtbarer ist als stilles Bleiben, während die absoluten Zahlen im Verhältnis zur Mitgliederbasis kleiner ausfallen.
So erklärt der ADAC seine Haltung
Der Club weist den Eindruck zurück, er fordere schlicht höhere Spritpreise. In Stellungnahmen wird betont, dass bezahlbare Mobilität zum Kernauftrag gehöre und jede zusätzliche Belastung ohne praktikable Ausweichwege problematisch sei. Sinn der Einordnung: Wenn CO₂-Kosten steigen, müsse gleichzeitig Entlastung greifen, und Alternativen müssten im Alltag funktionieren. Ohne Infrastruktur, planbare Rahmenbedingungen und faire Übergänge drohten gesellschaftliche Spannungen, die weder Klima noch Mobilität voranbringen.
Zwischen Klimazielen und Alltagstauglichkeit
In der Debatte prallen zwei Erwartungen aufeinander. Einerseits stehen Klimaziele, die ohne sinkende Emissionen im Verkehr kaum erreichbar sind. Auf der anderen Seite steht der Wunsch nach Mobilität, die nicht zum Luxus wird. Der ADAC versucht, diese Spannung mit einem „Sowohl-als-auch“ zu beantworten: Klimaschutz ja, aber nicht über einseitige Preissteigerungen, sondern begleitet von Maßnahmen, die den Umstieg erleichtern und Menschen ohne schnelle Alternative nicht überrollen.
Der größere Kontext: CO₂-Preis 2026 und neue Regeln im nationalen Handel
Der Zeitpunkt ist heikel, weil 2026 im deutschen System eine neue Phase beginnt. Gesetzlich ist für 2026 ein Preiskorridor von 55 bis 65 Euro je Emissionszertifikat vorgesehen, der über Versteigerungen abgebildet wird. Damit verändert sich die Mechanik gegenüber der vorherigen Festpreisphase. In der Berichterstattung tauchen deshalb Rechenbeispiele auf, die Mehrkosten an der Zapfsäule greifbar machen. Der ADAC selbst erläutert auf seiner Informationsseite, wie sich CO₂-Kosten grundsätzlich in den Kraftstoffpreisen niederschlagen können, während Behörden und Ministerien den Wechsel zur Versteigerung und begleitende Entlastungen erklären.
EU-Ebene: ETS2 und die Frage, wann die nächste Stufe kommt
Über den nationalen Rahmen hinaus steht in Europa der neue Emissionshandel für Gebäude und Straßenverkehr (ETS2) im Raum. Nach Informationen der EU-Kommission ist der Start grundsätzlich für 2027 angelegt, kann bei außergewöhnlich hohen Gas- oder Ölpreisen aber verschoben werden. In Analysen und Briefings wird diese Verschiebemöglichkeit ebenfalls beschrieben. Für die öffentliche Wahrnehmung ist entscheidend: Schon die Aussicht auf eine spätere, breitere CO₂-Bepreisung macht Aussagen über „Anreize“ besonders brisant, weil sie als Vorbote weiterer Preisbewegungen gelesen werden.
Warum die Affäre den ADAC stärker trifft als andere Akteure
Politische Parteien, Verbände oder Ministerien werden in der Spritpreisdebatte regelmäßig kritisiert. Beim ADAC ist die Fallhöhe größer, weil die Mitgliedschaft wie ein persönlicher Vertrag wirkt: Beitrag gegen Hilfe und Interessenvertretung. Wenn dann eine Aussage so verstanden wird, als solle der Alltag teurer werden, wirkt das wie ein Bruch dieses unausgesprochenen Deals. Deshalb ist die Kommunikationsfrage hier nicht Beiwerk, sondern der Kern: Ein Satz über CO₂-Bepreisung kann, je nach Zuschnitt, entweder als nüchterne Beschreibung oder als Kampfansage wahrgenommen werden.
Fazit
Der Trend rund um eine angebliche „ADAC-Kündigungswelle“ speist sich aus einer Mischung aus zugespitzter Wiedergabe, realer Verunsicherung bei Mobilitätskosten und der besonderen Stellung des Clubs als Interessenvertretung. Der ADAC versucht, die Botschaft zu drehen: keine Freude an teurerem Tanken, sondern der Hinweis, dass Preismechanismen politisch längst angelegt sind und ohne Ausgleich sowie alltagstaugliche Alternativen erheblichen Ärger auslösen können. Ob sich das Vertrauen stabilisiert, hängt vor allem daran, wie glaubwürdig Entlastungen wirken und wie schnell praktikable Wege zum Umstieg im Alltag tatsächlich verfügbar werden.
Quellen
FOCUS Online: „‚ADAC-Mitgliedschaft gekündigt‘ – Netz reagiert wütend …“ (Stand 02.01.2026).
auto motor und sport: „ADAC-Mitglieder drohen nach Interview mit Austritt: ADAC reagiert“ (03.01.2026).
WELT: „Ärger über ADAC-Vorstoß zu höheren Spritpreisen …“ (03.01.2026).
Esslinger Zeitung: „‚Autofahrer-feindlich‘ – so reagiert der ADAC auf die Austrittswelle“ (03.01.2026).
Berliner Zeitung: „ADAC-Chef fordert höhere Spritpreise: Viele Mitglieder kündigen Austritt an“ (02.01.2026).




