Die Dürre des Sommers 2026 trifft Deutschlands Landwirtschaft zunehmend hart. Besonders in Süddeutschland warnt der Deutsche Bauernverband vor erheblichen Ertragseinbußen bis hin zu regionalen Totalausfällen. Neben den Ernten geraten auch die Futterversorgung und die Liquidität vieler Betriebe unter Druck. Zugleich erschwert Niedrigwasser auf wichtigen Flüssen den Transport von Agrargütern.
Dürre trifft Getreide und Herbstkulturen
Nach Einschätzung des Deutschen Bauernverbandes ist bei Getreide, insbesondere Weizen, sowie bei Raps mit einer unterdurchschnittlichen Ernte zu rechnen. Auch für Kartoffeln, Gemüse, Zuckerrüben, Körnermais und Sojabohnen zeichnen sich erhebliche Einbußen ab. In südlichen Teilen Deutschlands könnten einzelne Kulturen regional sogar vollständig ausfallen. Im Norden ist die Lage etwas günstiger, weil es dort wiederholt geregnet hat; auch dort erwartet der Verband jedoch tendenziell unterdurchschnittliche Erträge.
Die Ernteverluste treffen viele Höfe in einer ohnehin schwierigen wirtschaftlichen Lage. Bauernpräsident Joachim Rukwied verweist auf hohe Betriebsmittelkosten bei zugleich niedrigen Erzeugerpreisen. Nach seinen Angaben fragen Betriebe verstärkt Liquiditäts- und Überbrückungsdarlehen nach, weil unter anderem Rechnungen für Dünger und Pflanzenschutzmittel nicht mehr ohne Weiteres bezahlt werden können.
Raiffeisenverband erwartet knapp zehn Prozent weniger Getreide
Der Deutsche Raiffeisenverband schätzt die Getreideernte 2026 auf 40,6 Millionen Tonnen. Im Vorjahr waren es 45 Millionen Tonnen – ein Rückgang von knapp zehn Prozent. Seit Beginn der Dürreperiode Mitte Juni seien nach Berechnungen des Verbandes rund drei Millionen Tonnen Getreide und Raps gegenüber den zuvor erwarteten Mengen verloren gegangen. Den daraus resultierenden Einnahmeausfall beziffert er auf etwa 600 Millionen Euro.
Trotz dieser Verluste spricht der Verband bundesweit noch von einer ausreichenden, wenn auch unterdurchschnittlichen Ernte. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Folgen für einzelne Regionen und Betriebe gering wären. Nationale Erntemengen können erhebliche lokale Ausfälle und deren wirtschaftliche Folgen nur begrenzt abbilden.
Futtermangel belastet Tierhalter
Besonders angespannt ist die Situation auf Höfen mit eigener Futtererzeugung. Vor allem in Süddeutschland wächst nach Angaben des Bauernverbandes auf vielen Wiesen kaum noch Gras und Heu nach. Vereinzelt schlachten Betriebe deshalb Tiere früher als geplant.
Hält die Trockenheit an, kann sich das Problem über die laufende Saison hinaus auswirken. Fehlende eigene Futterreserven erhöhen die Abhängigkeit von Zukäufen und damit die Kosten – vorausgesetzt, zusätzliche Futtermittel sind überhaupt zu vertretbaren Preisen verfügbar.
Bauernverband fordert schnelle Hilfen
Bundesagrarminister Alois Rainer bezeichnet die Trockenheit als ernsthafte Belastung und hat Unterstützung für betroffene Betriebe in Aussicht gestellt. Für Hilfszahlungen bei Extremwetter sind grundsätzlich die Länder zuständig. Eine Beteiligung des Bundes setzt voraus, dass die Schäden als Ereignis von nationalem Ausmaß eingestuft werden. Eine belastbarere Bewertung soll nach Abschluss wesentlicher Teile der Ernte Ende August möglich sein. Das passt auch zum regulären Verfahren der amtlichen Erntestatistik, bei dem Ende August ein vorläufiges Ergebnis für Getreide und Winterraps ermittelt wird.
Der Deutsche Bauernverband fordert schnellere Entlastungen. Er will unter anderem die von der EU vorgesehenen 60 Millionen Euro an Düngemittelhilfen für Deutschland mit nationalen Mitteln auf insgesamt 180 Millionen Euro aufstocken. Außerdem sollen 80 Prozent der EU-Direktzahlungen bereits im Oktober statt im Dezember ausgezahlt und die Dieselsteuern befristet bis Ende November gesenkt werden. Zusätzlich wirbt der Verband für eine steuerfreie Risikoausgleichsrücklage, mit der Betriebe in guten Jahren Vorsorge für Krisenjahre treffen könnten.
Gemüse wird teurer, bei Obst ist das Bild anders
Bei Frischgemüse sind Folgen der Trockenheit bereits am Markt sichtbar. Nach Angaben der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft ist das Angebot bei Freilandgemüse teilweise eingeschränkt. Betroffen sind vor allem Salate sowie Brokkoli, Blumenkohl und Kohlrabi. Auch Möhren sind vergleichsweise knapp und derzeit teurer als im Vorjahr. Bei Tomaten und Zucchini liegen die Verbraucherpreise dagegen unter dem Vorjahresniveau.
Bei Obst ergibt sich kein einheitliches Bild. Äpfel aus der Ernte 2025 sind noch in größeren Mengen verfügbar; bei mehreren Steinobstarten erhöht Importware den Wettbewerbsdruck. Deshalb liegen die Preise bei verschiedenen Obstsorten derzeit sogar unter denen des Vorjahres.
Bei Kartoffeln hängt viel davon ab, ob die Bestände bewässert werden können. Trockenstress kann die Knollenentwicklung beeinträchtigen. Aus Erzeugerkreisen wird deshalb damit gerechnet, dass Pommes frites im Durchschnitt häufiger kürzer ausfallen könnten. Auch höhere Kartoffelpreise sind möglich, wobei neben geringeren Erträgen die zusätzlichen Kosten der Bewässerung eine Rolle spielen.
Brot und Brötchen dürften wegen der Ernte kaum teurer werden
Für Brot und Brötchen erwartet der Raiffeisenverband trotz der kleineren Getreideernte keine nennenswerten dürrebedingten Preissteigerungen. Der Getreideanteil am Endpreis von Backwaren ist vergleichsweise gering. Stärker wirken Kosten für Energie, Personal und weitere betriebliche Aufwendungen.
Niedrigwasser verschärft die Logistikprobleme
Zusätzlichen Druck erzeugt das Niedrigwasser auf Rhein und anderen Flüssen. Binnenschiffe können teilweise nur einen Bruchteil ihrer üblichen Ladung aufnehmen, wodurch Transporte teurer werden. Das betrifft auch Getreide, Futtermittel und Dünger. Während für die unmittelbare Annahme der Getreideernte nach Angaben des Raiffeisenverbandes ausreichend Lagerkapazitäten vorhanden sind, bestehen Risiken beim Weitertransport und bei der Versorgung mit Futter- und Düngemitteln.
Die Auswirkungen reichen über die Landwirtschaft hinaus. Industrieunternehmen haben wegen eingeschränkter Rohstofftransporte bereits Produktionsdrosselungen gemeldet. Straße und Schiene können die fehlenden Schiffskapazitäten nur begrenzt ersetzen. Damit wird das Niedrigwasser zu einem zusätzlichen Kostenfaktor entlang der Lieferketten.
Fazit
Die verfügbaren Daten und Verbandsangaben zeigen keine bundesweite Erntekatastrophe, wohl aber eine deutliche Verschlechterung gegenüber dem Vorjahr und erhebliche regionale Risiken. Der Raiffeisenverband erwartet mit 40,6 Millionen Tonnen knapp zehn Prozent weniger Getreide als 2025, hält die Gesamtmenge aber weiterhin für ausreichend. Der Bauernverband warnt zugleich vor regionalen Totalausfällen, Futtermangel und einer stark angespannten finanziellen Lage einzelner Höfe.
Wie groß die Schäden tatsächlich sind, lässt sich Mitte August noch nicht abschließend beziffern. Aussagekräftiger werden die amtlichen Erntedaten Ende August sein. Schon jetzt ist jedoch erkennbar, dass die Folgen der Trockenheit nicht auf geringere Feldfruchterträge beschränkt bleiben: Futterversorgung, Bewässerungskosten und die durch Niedrigwasser beeinträchtigte Logistik erhöhen den wirtschaftlichen Druck zusätzlich.
Quellen
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/rhein-niedrigwasser-folgen-100.html






