In der Nacht auf Freitag hat Russland die Ukraine mit einer neuen Angriffswelle aus Drohnen und Raketen überzogen. Im Westen des Landes, nahe der polnischen Grenze, wurde dabei nach russischen Angaben erneut eine Mittelstreckenrakete vom Typ „Oreschnik“ eingesetzt. Ukrainische Stellen berichten, dass der Einschlag im Raum Lwiw (Lviv) stattfand und der Angriff vor allem als Signal verstanden werden müsse – nicht zuletzt wegen der Nähe zu EU- und Nato-Gebiet.
Parallel meldeten die Behörden in Kyjiw schwere Schäden durch weitere Angriffe: mindestens vier Tote, zahlreiche Verletzte und großflächige Ausfälle bei Strom und Wärmeversorgung mitten im Winter. Zudem wurde die Botschaft Katars in der Hauptstadt beschädigt.
Angriff in der Region Lwiw: Ziel, Zeitpunkt und erste Erkenntnisse
Nach Angaben aus Kyjiw wurde die „Oreschnik“ nahe der Grenze zu Polen eingesetzt. Ein ranghoher ukrainischer Vertreter sagte, die Rakete habe eine Werkstatt eines staatlichen Betriebs in der westlichen Stadt Lwiw getroffen. Demnach verursachten mehrere Submunitionen kleinere Durchschläge in Betonstrukturen und Krater in einem bewaldeten Gebiet – Hinweise auf begrenzten physischen Schaden. :contentReference[oaicite:2]{index=2}
Die ukrainische Seite geht außerdem davon aus, dass die Rakete mit inerten, also „Attrappen“-Gefechtsköpfen unterwegs war. Das würde zur bisherigen Einschätzung passen, wonach der Einsatz weniger auf maximale Zerstörung als auf Einschüchterung und Machtdemonstration zielt.
Laut Reuters wurde die Rakete kurz vor Mitternacht abgefeuert. Die ukrainische Militärseite meldete dabei eine Geschwindigkeit von rund 13.000 Kilometern pro Stunde.
Der größere Luftschlag: Tote in Kyjiw, Blackouts und beschädigte Botschaft
Der Raketenangriff im Westen war Teil einer breiteren Angriffsnacht. Reuters berichtet von insgesamt 242 Drohnen und 36 Raketen, die Ziele in der Region Lwiw sowie in und um Kyjiw trafen. In der Hauptstadt seien mindestens vier Menschen getötet worden; mehr als 20 Personen wurden demnach verletzt.
Besonders gravierend waren die Folgen für die Versorgungslage: In Kyjiw fiel laut Angaben der Behörden der Strom für mehr als eine halbe Million Haushalte aus. Bei Schnee und Temperaturen um minus zehn Grad wurden teils auch Wasser und Wärme unterbrochen; am Nachmittag war ein Teil der Heizung wiederhergestellt, tausende Gebäude waren aber weiterhin betroffen.
Außerdem bestätigte Katar, dass seine Botschaft in Kyjiw beschädigt wurde, ohne dass es dort Verletzte gegeben habe.
Begründung aus Moskau – und der Streit um eine angebliche „Vergeltung“
Russland stellte den Einsatz der „Oreschnik“ als Reaktion auf einen angeblichen ukrainischen Drohnenangriff auf eine Residenz von Wladimir Putin dar. Kyjiw weist diese Darstellung zurück; auch US-Präsident Donald Trump äußerte sich laut Reuters skeptisch und sagte, er glaube nicht, dass der behauptete Angriff so stattgefunden habe.
Ukrainische Vertreter sehen in der Begründung einen Vorwand und betonen stattdessen die strategische Botschaft des Einschlags nahe EU- und Nato-Grenze. Außenminister Andrij Sybiha sprach von einer schweren Bedrohung für die Sicherheit Europas und forderte internationale Reaktionen.
Reaktionen in Europa: Warnung, Sanktionen, Luftverteidigung
Aus Brüssel kam eine deutliche Verurteilung. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas nannte den gemeldeten Einsatz der „Oreschnik“ eine klare Eskalation, die als Warnung an Europa und die USA gedacht sei. Zugleich forderte sie, Luftverteidigungsbestände schneller bereitzustellen und den Preis des Krieges für Moskau unter anderem durch schärfere Sanktionen zu erhöhen.
Auch aus Berlin wurden harte Worte gemeldet: Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte laut Reuters, Drohgebärden sollten Angst erzeugen, würden aber nicht funktionieren; Deutschland stehe an der Seite der Ukraine.
Im Liveblog von ZEIT ONLINE wird zudem berichtet, dass die Regierungschefs von Deutschland, Frankreich und Großbritannien den Angriff nach einem Telefonat als „eskalierend und inakzeptabel“ bewertet hätten.
Was die „Oreschnik“ so brisant macht
Bei der „Oreschnik“ handelt es sich nach Reuters um eine nuklearfähige Mittelstreckenrakete (Intermediate-Range Ballistic Missile), die Machtprojektion über Europa hinweg ermöglichen soll. Moskau behauptet, sie sei nicht abzufangen; unabhängig überprüfbar sind solche Aussagen in der aktuellen Lage jedoch kaum.
Dass ukrainische Stellen von Attrappen-Gefechtsköpfen sprechen, passt zu einer Einordnung, die Reuters mit Expertenstimmen beschreibt: Der Einsatz könne vor allem der politischen Signalwirkung dienen – eine Demonstration von Entschlossenheit, ohne zwingend maximale Verwüstung anzustreben.
Hinzu kommt: Es war laut Reuters erst das zweite bekannte Mal, dass Russland diese Rakete gegen die Ukraine einsetzte; der erste Einsatz erfolgte demnach im November 2024 und soll ebenfalls begrenzte Schäden verursacht haben.
Diplomatie unter Druck: Friedensgespräche und neue Drohkulissen
Die Angriffe treffen eine Phase, in der gleichzeitig über Wege zu einem Kriegsende gesprochen wird. Reuters verweist auf Gespräche in Paris in dieser Woche. In diesem Umfeld wirkt ein Raketenstart nahe Nato-Gebiet wie ein zusätzlicher Druckhebel – zumal Russland zuletzt wiederholt betont hat, ausländische Truppen in der Ukraine könnten zu legitimen Zielen werden.
Auch ZEIT ONLINE greift den Zusammenhang auf und berichtet über die scharfe Kritik europäischer Regierungschefs sowie über die Zweifel an Russlands Rechtfertigung.
Fazit
Der gemeldete „Oreschnik“-Einsatz in der Westukraine ist militärisch vor allem wegen seiner Reichweite und politischen Strahlkraft heikel. Die Nähe zur polnischen Grenze rückt die Frage nach Abschreckung und Eskalation ins Zentrum. Während Russland den Schlag als Vergeltung darstellt, betonen Ukraine und europäische Partner die Signalwirkung und sprechen von einer neuen Drohkulisse. Gleichzeitig zeigen die Schäden in Kyjiw, wie stark die Luftangriffe das zivile Leben treffen – gerade im Winter, wenn Strom und Wärme überlebenswichtig sind.
Quellen
Reuters: „Russia fires hypersonic missile at target in Ukraine near NATO border“ (9. Januar 2026, aktualisiert 4:13 PM UTC).
Reuters: „Putin sends warning to Ukraine and West with weapon not used since 2024“ (9. Januar 2026, 2:23 PM UTC, aktualisiert).





