„Selenskyj strebt Rückgabe aller besetzten Gebiete an – jedoch nicht sofort“

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Wolodymyr Selenskyj hält am Ziel fest, alle von Russland besetzten Gebiete der Ukraine zurückzuholen. Gleichzeitig beschreibt er offen die Grenzen dessen, was militärisch kurzfristig erreichbar ist. In Interviews und Agenturmeldungen der vergangenen zwei Tage verdichtet sich damit ein Signal, das in der internationalen Debatte sofort politisch aufgeladen ist: maximale territoriale Zielsetzung, aber mit einem Zeitfaktor, der nicht allein in Kyjiw entschieden wird. Besonders deutlich wird das in einem BBC-Interview, in dem Selenskyj einerseits die Rückkehr zu den Grenzen von 1991 als Frage der Gerechtigkeit bezeichnet, andererseits aber erklärt, warum ein Versuch „jetzt“ aus seiner Sicht einen nicht vertretbaren Preis hätte.

„Nur eine Frage der Zeit“ – und doch keine Frage des Kalenders

Die Kernaussage, die in mehreren aktuellen Berichten aufgegriffen wird, ist doppelt: Selenskyj stellt die Rückeroberung aller besetzten Gebiete als unverhandelbares strategisches Ziel dar, hält sie jedoch gegenwärtig militärisch nicht für realistisch. Als Begründung nennt er die Größe und Feuerkraft der russischen Armee, die fehlenden Waffenbestände auf ukrainischer Seite sowie vor allem die erwartbaren Opferzahlen, die sich bei einer sofortigen, umfassenden Rückeroberung ergeben würden. In der Logik dieser Argumentation ist Zeit nicht bloß ein Abwarten, sondern ein politisch-militärischer Faktor: Zeit für Aufrüstung, für internationale Sicherheitszusagen und für eine Lage, in der Rückgewinnung nicht mit „Millionen Leben“ bezahlt werden müsste.

Damit verschiebt sich der Fokus, ohne das Endziel zu verändern. Selenskyj grenzt sich zugleich gegen Interpretationen ab, die daraus einen Einstieg in territoriale Zugeständnisse ableiten könnten. Die Linie bleibt: keine Anerkennung der Besatzung, keine formale Abtretung. Was sich verändert, ist die Erzählung über den Weg dorthin: weniger als kurzfristiger Durchbruch, stärker als langfristiger Prozess, der militärische Abschreckung, wirtschaftliche Stabilisierung und diplomatischen Druck zusammendenkt.

Sicherheitsgarantien als Dreh- und Angelpunkt: USA, Institutionen und Verlässlichkeit

Ein zweites Motiv der jüngsten Berichte betrifft Selenskyjs Blick auf die Vereinigten Staaten. Er betont, dass Sicherheitsgarantien nicht von einzelnen Präsidenten abhängen dürften, sondern institutionell abgesichert werden müssten. In diesem Zusammenhang fällt der Satz, Präsidenten kämen und gingen, Institutionen blieben. In der Substanz ist das ein Plädoyer für bindende, über Wahlzyklen hinausreichende Zusagen, die militärische Unterstützung, Abschreckung und politische Rückendeckung dauerhaft machen sollen.

Diese Argumentation ist auch eine Reaktion auf die Unsicherheit internationaler Politik: Wenn Unterstützung schwankt, wird die ukrainische Kriegs- und Verhandlungsposition fragiler. Selenskyj verknüpft die Frage der Territorien deshalb mit der Frage der Sicherheitsarchitektur. Aus seiner Sicht entscheidet sich die Möglichkeit, Gebiete zurückzuholen, nicht allein an der Frontlinie, sondern an der langfristigen Fähigkeit, Russland zu stoppen und künftige Angriffe zu verhindern. Das ist zugleich eine indirekte Botschaft an Partnerstaaten: Wer einen schnellen Frieden fordert, müsse erklären, wie die Ukraine danach sicher bleiben soll.

Verhandlungen, „Einfrieren“ und rote Linien: Was politisch denkbar ist – und was nicht

Parallel zu diesen Aussagen laufen internationale Gespräche über Wege zu einem Kriegsende. In Berichten der vergangenen Tage wird deutlich, dass Territorium dabei der zentrale Streitpunkt bleibt. Selenskyj weist Forderungen zurück, ukrainische Gebiete formell oder faktisch an Russland zu übergeben. Zugleich taucht in der Debatte immer wieder das Modell eines Waffenstillstands oder eines „Einfrierens“ der aktuellen Frontlinien auf, ohne dass dies als endgültige Grenzziehung gelten würde.

Politisch ist das ein schmaler Grat. Ein Waffenstillstand könnte den Alltag entlasten, Ressourcen schonen und Wiederaufbau in nicht besetzten Gebieten erleichtern. Gleichzeitig birgt ein eingefrorener Konflikt das Risiko, dass die Besatzung verfestigt wird und Russland Zeit gewinnt, um später erneut anzugreifen. Selenskyjs jüngste Wortwahl versucht, diese Spannung zu moderieren: Ein sofortiger totaler Rückeroberungskrieg sei nicht verantwortbar, aber das Ziel bleibe bestehen; die Zwischenlösung dürfe nicht als Kapitulation verstanden werden.

Referendum, Legitimität und Innenpolitik

Mehrere Berichte verbinden die Territorialfrage mit der Frage demokratischer Legitimation in Kriegszeiten. Diskutiert wird, ob und unter welchen Bedingungen Wahlen oder ein Referendum über ein mögliches Abkommen stattfinden könnten. Selenskyj verweist dabei auf Sicherheits- und Stabilitätsbedingungen, ohne die Abstimmungen manipulierbar oder organisatorisch kaum durchführbar wären. Die innenpolitische Dimension ist offensichtlich: Jede Lösung, die als „Land gegen Frieden“ gelesen wird, kann gesellschaftliche Spaltung erzeugen. Umgekehrt kann ein dauerhaftes „Weiter so“ ohne Perspektive ebenfalls die Unterstützung erodieren. Die Regierung muss daher gleichzeitig Standhaftigkeit und Realismus zeigen.

Die strategische Botschaft: Siegdefinition zwischen Gerechtigkeit und Machbarkeit

In den jüngsten Interviews wird „Sieg“ nicht nur als Rückgewinnung von Territorium beschrieben, sondern auch als Stoppen weiterer russischer Expansion. Selenskyj argumentiert, Russland werde nicht bei der Ukraine haltmachen, und inszeniert die Verteidigung des Landes als Teil einer größeren europäischen und globalen Sicherheitsfrage. Das ist eine bekannte Linie, gewinnt aber in der aktuellen Lage neues Gewicht: Wenn die vollständige Rückeroberung kurzfristig nicht möglich ist, muss die Ukraine ihren Erfolg auch anders erzählen können, ohne das Endziel preiszugeben.

Der Begriff „Zeit“ erfüllt dabei eine doppelte Funktion. Nach innen ist er ein Versuch, Erwartungsmanagement zu betreiben und gleichzeitig Hoffnung zu erhalten. Nach außen ist er ein Druckmittel: Wenn Rückeroberung von Partnerhilfe abhängt, wird Hilfe zur Voraussetzung dafür, dass „Zeit“ nicht zu einem Synonym für Stillstand wird. In diesem Rahmen sind Waffenlieferungen, Munition, Luftverteidigung und wirtschaftliche Unterstützung nicht bloß Unterstützung, sondern Bestandteil einer Strategie, die die Kosten für Russland erhöhen und die Handlungsfähigkeit der Ukraine sichern soll.

Fazit

Die aktuellen Aussagen Selenskyjs zeichnen ein Bild von maximaler territorialer Zielsetzung bei gleichzeitigem Eingeständnis militärischer Grenzen im Hier und Jetzt. „Alle Gebiete zurück“ bleibt politische Leitlinie, „aber nicht jetzt“ wird zur Begründung, warum die Ukraine Zeit, Waffen und verlässliche Sicherheitsgarantien braucht. Damit reagiert Selenskyj auf eine internationale Debatte, in der Waffenstillstandsszenarien, Verhandlungsmodelle und Forderungen nach schnellen Lösungen zunehmen. Die Botschaft ist klar: Ein Frieden, der auf Abtretung beruht, gilt als untragbar; ein Frieden, der Sicherheit garantiert und die Rückkehr zu rechtmäßigen Grenzen als langfristige Perspektive offenhält, bleibt das strategische Ziel. Ob „nur eine Frage der Zeit“ Optimismus oder Warnung ist, hängt damit weniger vom Kalender ab als von der Verlässlichkeit der internationalen Unterstützung und der Fähigkeit, Russland dauerhaft abzuschrecken.

Quellen

https://www.ukrinform.net/rubric-ato/4094340-zelensky-on-return-of-territories-seized-by-russia-it-is-impossible-now-but-it-is-matter-of-time.html

https://www.yahoo.com/news/articles/zelensky-tells-bbc-putin-started-220107643.html

 

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